Das Ziel ist es Bücher, Vorlesungsmaterial, Übungsblätter oder sonstige hilfreiche Dokumente/Informationen in ein für Sehgeschädigte lesbares Format zu überführen.
Einige der Sehgeschädigten sind ganz blind, andere besitzen eine eingeschränkte Sehfähigkeit. Dementsprechend sind die Umsetzungsschritte des Materials auch sehr unterschiedlich und müssen getrennt behandelt werden.
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\centering\includegraphics[width=10cm]{Umsetz_blind_sehb}
\caption{Umsetzung: Unterschiedliche Vorgehensweisen für blinde bzw. sehbehinderte Nutzer}
\label{umsetzungs_basic}
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Umsetzung für Blinde
Die Arbeitsweise von Blinden unterscheidet sich grundlegend von der Arbeitsweise der Sehbehinderten. Sie lesen die Texte mit Hilfe eines sogenannten Screenreaders (z.B. JAWS, Window Eyes, Cobra oder NVDA). Hierbei werden der Bildschirminhalt und die Bedienelemente automatisch vorgelesen und gleichzeitig in Punktschrift auf der Braillezeile ausgegeben. Eine Braillezeile ist ein an den Computer angeschlossenes Gerät zur Ausgabe von Blindenschrift, der Braille.
Blinde sind ganz auf die textuelle Repräsentation der Unterlagen angewiesen. Das bedeutet, wenn wichtige Inhalte graphisch dargestellt, farblich markiert, fettgedruckt oder anderweitig hervorgehoben sind, ist dies für sie nicht zugänglich. Früher wurden die meisten Materialien auf Kassetten aufgelesen. Die fortschreitende Digitalisierung hat blinde Studierende unabhängiger von der Hilfe Sehender gemacht. Sie können Smartphones effizient nutzen, im Internet surfen, digitale Dokumente lesen und vieles mehr. Allerdings brauchen sie länger als Sehende, da sie wirklich alles lesen und sich den Aufbau einer Seite merken müssen. Erst wenn sie den Aufbau einer Seite oder der Vorlesungsfolien kennen, können sie sich schneller darin bewegen. Daher ist es wichtig, dass Dokumente mit Strukturinformationen angereichert werden (z.B. Überschrift 1, Überschrift 2, Titel oder Untertitel).
Fast alle Dokumente können mit Hilfe eines Screenreaders gelesen werden, sofern es sich um Text handelt. Dies gilt u.a. auch für PDF-Dokumente. Jedoch treten bereits hierbei die ersten Probleme auf:
PDF-Dokumente haben zwar den Vorteil, dass ihr Inhalt und ihre Formatierung geschützt sind und von den Leser(inne)n nicht verändert werden können, aber daraus resultierend übermittelt das Dokument dem Screenreader nur wenige Informationen über ihren Aufbau und ihre Struktur. Das macht es schwieriger das „Gesamtbild“ des Dokumentes bzw. Überschriften und andere Formatierungen zu erkennen.
Des Weiteren werden Anzeigeprogramme für PDF-Dokumente nicht oder nur mangelhaft von den Screenreadern unterstützt.
Ob ein PDF-Dokument barrierefrei ist oder nicht, ist abhängig davon, wie es erzeugt wurde. Beispielsweise kann eine Grafik oder ein Bild in eine PDF-Datei umgewandelt werden, und bleibt trotzdem für den Screenreader nicht zugänglich. Ohne eine nachträgliche Texterkennung bzw. manuelle Umsetzung ist kein Zugriff auf den Inhalt möglich.
Interessierte finden mehr zu PDF-Problemen unter: http://www.barrierefreies-webdesign.de/knowhow/pdf-screenreader
Ebenfalls dürfte es verständlich sein, dass Fachliteratur, wie Bücher und Skripte, die für Vorlesungen und zum Lernen verwendet werden, in ihrer ursprünglichen Form für Sehgeschädigte komplett unzugänglich sind, wenn sie nicht auch in digitaler Form existieren.
Das Ziel ist es daher, diese Dokumente in eine digitale, strukturierte Form (z.B. in eine HTML- oder Word-Datei) zu bringen. Digitale Dokumente (PDF, \LaTeX, Word, etc.) können einfach in Text umgewandelt werden. Gedruckte Vorlagen müssen hingegen eingescannt und mittels Texterkennung (OCR — Optical Character Recognition) in Text umgewandelt und anschließend auf Fehler korrigiert werden. Unabhängig von welcher Vorlage ausgegangen wird, kommt man anschließend nicht um eine Formatierung des Textes herum, da diese Formatierung eine spätere Navigation innerhalb des Textes vereinfacht.
Auch müssen im Dokument vorkommende Bilder entweder ausreichend beschrieben oder nachbearbeitet und taktil ausgedruckt werden. Mehr dazu unter den jeweiligen Abschnitten.
Mehr Informationen zur Braille-Schrift gibt es zum Beispiel unter: http://members.chello.at/peter.mikl/dipl/
Umsetzung für Sehbehinderte
Viele Sehbehinderte können ihre schlechte Sehfähigkeit gut ver-stek-ken. Normal Sehende bemerken die Seheinschränkung oft nicht sofort. Es kommt ihnen eventuell komisch vor, dass manche Studierende auf dem Campus nicht grüßen oder zurück lächeln, wenn man mit ihnen spricht. Oft denken Sehende, dass diese Studierenden arrogant sind. Der Grund, dass sehbehinderte Studierende nicht reagieren ist, dass sie nur einen kleinen Ausschnitt ihres Sichtfeldes wahrnehmen und diesen oft verschwommen sehen.
Sehbehinderte Nutzer arbeiten mit Software, die den Bildschirminhalt stark vergrößert und die Farben verändert (z.B. Zoomtext). Häufig werden die Texte nicht schwarz auf weiß, sondern weiß auf schwarz bzw. sogar gelb auf blau gelesen. Dabei ist es wichtig, dass der Kontrast zwischen den Farben (Hintergrund und Schriftfarbe) ausreichend ist, sodass die Schrift noch gelesen werden kann. Wenn die Sehbehinderten mit starker Vergrößerung arbeiten, dann sind Grafiken, umfangreiche Tabellen oder überfüllte Internetseiten schwer zu lesen.
Die Arbeitsweise von Sehbehinderten orientiert sich stark an der von Sehenden. Dabei haben sie aber den Nachteil, dass sie sich schlechter in einem Dokument orientieren können, da ihnen wegen der starken Vergrößerung die Übersicht fehlt. Sie benutzen außerdem lieber die Maus anstelle von schnellen, präzisen Tastenkombinationen, um in einem Dokument zu navigieren.
Je nach Ursache ihrer Seheinschränkung besitzen Nutzer mit eingeschränktem Sehvermögen ganz unterschiedlichen Anforderungen.
Sehbehinderte nutzen neben elektronischen Dokumenten ebenfalls gedruckte Versionen der Dokumente, was wiederum auch zu einer entsprechenden Anpassung dieser Unterlagen führt.
Ausschlaggebend für die Benutzung von Dokumenten ist eine gute Kenntnis notwendiger technischer Hilfsmittel. Technische Hilfsmittel (Hard- bzw. Software) für die Arbeit sind z.B.:
- Vergrößerungssoftware (z.B. Zoomtext), Text wird teilweise mit bis zu 20cm großen Buchstaben auf dem Bildschirm gelesen und dabei fehlt den Nutzern jeglicher Überblick über die Seite bzw. den Bildschirminhalt,
- Tablet-Lösungen bzw. Computer mit Touch-Screen (z.B. arbeiten mit einem iPad /Android-Tablet),
- Bildschirmlesegeräte,
- Kameralösungen oder
- klassische Lupen.
Und genau wegen dieser verschiedenen Hilfsmittel sind Dokumente individuell an die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer anzupassen.\
Beispielsweise muss sich zuvor mit den entsprechenden Nutzern bzgl. gewünschter
- Schriftart,
- Schriftgröße,
- Grafikvergrößerung und Kontrastverbesserung,
- Darstellung von Formeln (Mathematik oder Chemie) oder über
- Farbschemata
ausgetauscht werden.
Für sehbehinderte Nutzer werden im elektronischen Fall folgende Dateiformate gewählt:
- PDF (unveränderbares Containerformat),
- Word (im Falle, dass mit dem Inhalt gearbeitet werden muss) oder
- HTML (in speziellen Fällen).
